Genügend Zeit haben und sich Zeit lassenWir leben in der Ära der Zeitersparnis. Wenn wir überlegen, wie unsere Eltern und Großeltern kommuniziert haben oder gereist sind, müssten wir jetzt theoretisch sehr viel mehr Zeit für Familie, Entspannung und Hobbys haben. Haben unsere Großeltern einen Brief geschrieben, konnten sie frühestens in ein paar Tagen auf Antwort hoffen. Haben unsere Eltern versucht, jemanden telefonisch zu erreichen, konnte das schon ein paar Stunden dauern bis das Gespräch dann zustande kam. Auf Urlaub ist man mit dem Bus, dem Auto oder – wie mein Vater – mit dem Moped gefahren. Wenn man dort war, musste man schon bald wieder die Heimreise antreten. Aber es war aufregend.

Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich bin keine Modernitätsverweigerin. Ich schätze es sehr, dass die Kommunikation schnell geht und man nicht mehr tagelang mit dem Auto ans Meer reist. Ich komme aber nicht umhin, mich zu fragen, was wir denn mit der eingesparten Zeit tun?

Mittlerweile gibt es tausende Möglichkeiten Zeit zu sparen, aber dennoch haben wir nie genügend Zeit. Es stellt sich die Frage:

Was tun wir mit der Zeit?

Zeitforscher Karlheinz Geißler meint in einem Interview mit der Kleinen Zeitung: „Die Leute haben nicht zu wenig Zeit, sie haben zu viel zu tun. Ändern kann man nur Letzteres. Um viel Zeit zu haben, muss man wenig tun. Um wenig Zeit zu haben, viel.“

Wir haben zu viel zu tun, zumindest glauben wir das. Wir arbeiten zu viel, pressen in unseren Tag zu viele Aktivitäten. Wir hasten im Laufschritt durch unsere tägliches Leben, erledigen vieles in Hektik. Ein Entkommen ist kaum möglich. Gleichzeitig steigt bei vielen die Angst, diesem Druck nicht mehr standhalten können. Bei vielen keimt wieder die Idee eines ursprünglicheren Lebens fernab von Hektik und Zeitdruck.

Ein Beispiel: Betrug die Einkaufszeit im Lebensmittelhandel 1992 noch 46 Minuten, so waren es 15 Jahre später nur noch 23 Minuten.

Rosa Hartmut ist ein deutscher Soziologe und Zeittheoretiker. Er beschäftigt sich seit Jahren mit dem Phänomen der Beschleunigung unserer Zeit.

Das Bedürfnis nach Zeitersparnis und die gleichzeitige Angst vor Überforderung durch das hohe Tempo sind bereits im 18. Jahrhundert mit der Einführung der Eisenbahn entstanden, sagt Rosa in einem Interview mit Deutschlandradio Kultur. „Wir können nicht einfach langsam machen und alles andere so lassen, wie es ist.“ Beschleunigungsprozesse werden dort problematisch, wo sie unser Verhältnis zu Welt so verändern, dass es zu Entfremdung führt.

Was gehört zu einem guten Leben?

„Wir sollten nicht fragen, wie können wir uns an die hohe Geschwindigkeit anpassen, sondern wir sollten fragen, welche Geschwindigkeit ist eigentlich gut für uns Menschen. Was führt zu einem erfüllten und guten Leben?“, stellt Hartmut Rosa die Schlüsselfrage.

Also stellen wir uns ein paar Fragen:

  • Seit wann verzichten wir auf Pausen während der Arbeit? War es in den 1970er- und 1980er-Jahren noch üblich für das Mittagessen nach Hause zu kommen und selbst zu kochen, holen wir uns jetzt schnell etwas beim vegetarischen Buffet ums Eck‘.
  • Ist es notwendig, dass wir unser freies Wochenende takten und verplanen wie unseren Arbeitsalltag? Müssen wir uns ständig beweisen, dass wir unsere Freizeit auch wirklich aktiv ausnutzen? Seit wann ist Ausruhen tabu?
  • Wie viele Hobbys brauchen wir um glücklich zu sein? Tennis, Fußball, Fitness-Center, Theater spielen, Kino, Ehrenamt – wie viel geht sich noch aus?
  • Was wohl passiert, wenn wir das Smartphone einmal abschalten und das Tablet zu Hause vergessen?

Fragen wie diese gibt es noch viele. Und sie sind es auf jeden Fall Wert sie sich zu stellen.

Was wir uns fragen müssen ist:

Wie können wir unsere Zeit so managen um wieder mehr Lebensqualität zu erlangen?

Wir benötigen keinen Meditationsurlaub in Tibet um Tempo rauszunehmen und Qualitätszeit zu verleben. Aber, können wir es wirklich ertragen, etwas zu versäumen?

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