Bedenkliche Entwicklung

Am Beginn dieser Woche hat der Oberste Gerichtshof eine Entscheidung veröffentlicht, die, wenn wir sie genauer betrachten, psychische Belastungen am Arbeitsplatz eher verstärken als verhindern wird.

Der OGH hat festgehalten, dass ArbeitgeberInnen in „gehobener Position“ ihrer Firma in bestimmten Fällen selbst während des Krankenstands für Auskünfte zur Verfügung stehen müssen. Das Ausmaß darf die Genesung freilich nicht beeinträchtigen. Er sagt weiter, es geht dabei um „unbedingt erforderliche Informationen, deren Vorenthaltung zu einem wirtschaftlichen Schaden des Arbeitgebers führen würde“.

Auch wenn der OGH die Eingriffsmöglichkeiten der ArbeitgeberInnen stark einschränkt, wird in Folge seitens der ArbeitnehmerInnen die Arbeitsplatzsicherheit nicht gerade zunehmen. So gehen bereits jetzt 34,5 % der österreichischen ArbeitnehmerInnen krank zur Arbeit, wie eine Erhebung des Eurofonds 2010 ergeben hat. Das ist zwar noch immer tendenziell geringer als der EU-Durchschnitt, es sollten aber die Alarmglocken zu schrillen beginnen.

Zum einen begünstigt dieser Präsentismus (‘employees go to work despite feeling so sick that they should have stayed at home’, Heponiemi et al, 2010) psychische Belastungen am Arbeitsplatz und mittel- bis langfristig das Entstehen von ersthaften Erkrankungen. Nicht zu unterschätzen ist aber auch der Verlust an Produktivität für die Firmen. Wo wir wieder beim wirtschaftlichen Schaden wären, den die Besprechung im Krankenstand eigentlich vermeiden sollte…

Als Fazit könnte man sagen, dass das OGH-Urteil an der bestehenden Realität von ArbeitnehmerInnen vorbei schrammt und bedenkliche Entwicklungen am Arbeitsmarkt sogar unterstützt als eindämmt.

Und das in Zeiten, in denen der deutsche Automobilhersteller BMW mit dem Betriebsrat eine entsprechende Betriebsvereinbarung für die Hälfte seiner 79.000 MitarbeiterInnen geschlossen hat, dass ihnen ein „ein Recht auf Unerreichbarkeit“ in der Freizeit zugesteht.

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