Wertschätzung – der größte Motivator in der Arbeitswelt
Lesezeit: 4 Minuten
In meiner Coaching-Praxis sitzen immer wieder und immer mehr Menschen vor mir, die ihren Job wechseln wollen. Sie erzählen mir, dass sie von ihren Vorgesetzten nicht gehört und gesehen werden, dass sie wie Arbeitsbienen ohne Ansprüche behandelt werden und ihre Ideen und Vorschläge ignoriert werden. Immer häufiger sind nicht bessere Bezahlung, Karrierechancen oder neue Herausforderungen Gründe für einen Jobwechsel, sondern der Mangel an Wertschätzung.
Wertschätzung als Top-Motivator
Wo auch immer Menschen zusammenarbeiten – in Top-Unternehmen der Privatwirtschaft, im öffentlichen Dienst oder in NGO’s – Wertschätzung ist das, was uns am stärksten motiviert. Und doch ist sie in der Praxis Mangelware.
So klagen 32 Prozent aller Mitarbeiter:innen, dass sie keine oder nur geringe Wertschätzung bekommen und fehlende Anerkennung ist der zweithäufigste Grund für einen Jobwechsel.
Ein Defizit an Wertschätzung führt die meisten Umfragen zur Zufriedenheit am Arbeitsplatz an. Die Resultate liegen auf der Hand: Stress, häufige Krankheitstage, „Dienst nach Vorschrift“, verringerte Produktivität und mangelndes Engagement.
Was ist Wertschätzung?
Wertschätzung ist die positive Bewertung eines anderen Menschen. Sie gründet auf einer inneren Haltung anderen gegenüber. Wertschätzung betrifft einen Menschen als Ganzes, sein gesamtes Wesen.
Sie ist unabhängig von Taten oder Leistungen, auch wenn diese die subjektive Einschätzung der Wertschätzung beeinflussen. Wertschätzung ist verbunden mit Respekt, Wohlwollen und Anerkennung. Sie drückt sich aus in Zugewandtheit, Interesse, Aufmerksamkeit und Freundlichkeit.
Wertschätzung geht über ein gelegentliches Lob hinaus. Sie ist eine Haltung – geprägt von Respekt, Aufmerksamkeit und echtem Interesse am Gegenüber. Studien zeigen, dass wertgeschätzte Menschen gesünder, motivierter, kooperativer und widerstandsfähiger sind.
Wertschätzung bestimmt maßgeblich, ob wir gerne arbeiten und unser Bestes geben. Wertgeschätzte Menschen leben und arbeiten gesünder, einfallsreicher, kooperativer und Konfliktfähigkeit und widerstehen besser Stress und Unsicherheiten. Dabei ist sie der nachhaltigste Motivator im Berufsleben – weit wirkungsvoller als Boni, Titel oder Gehaltserhöhungen. Sie berührt die Grundbedürfnisse von uns Menschen: gesehen, gehört und als Person respektiert zu werden.
Arbeit, die sich an unseren Bedürfnissen orientiert, ist längst kein Luxus mehr, sondern wesentlich für den geschäftlichen Erfolg. Eine menschenzentrierte Arbeitsweise ist daher ebenso geboten wie ein Gewinn für alle: ein freundliches Erfordernis. Eine Aufmunterung kann uns stärker motivieren als sein als eine Prämie. Der mitgebrachte Kaffee kostet weniger und schlägt dennoch das inkludierte Verkehrsticket. Anerkennung selbst in unscheinbaren Formen sticht meist klassische Belohnungen aus.
Eine aufrichtige, gelebte Wertschätzung schafft Vertrauen. Und genau dieses Vertrauen ist das Fundament einer gesunden Unternehmenskultur. Wenn Führungskräfte ihren Mitarbeiter:innen von Anfang an Vertrauen entgegenbringen, statt es sich erst „verdienen“ zu lassen, entsteht Raum für Eigenverantwortung, Kreativität und Lernbereitschaft. In einem solchen Klima dürfen Fehler gemacht und Ideen offen ausgesprochen werden – das stärkt nicht nur das Team, sondern auch die Innovationskraft der Organisation.
Doch wie zeigt sich Wertschätzung im Alltag?
Es sind oft die kleinen Gesten mit großer Wirkung: ein echtes „Danke“, ein interessierter Blick, aufmerksames Zuhören oder das ehrliche Einholen einer Meinung. Besonders wichtig: Wertschätzung muss regelmäßig, konkret und persönlich sein – und nicht an Bedingungen geknüpft. „Net g’schimpft, ist g’lobt gnua“ war gestern. Heute wissen wir: Feedback ist kein Luxus, sondern ein zentraler Führungsauftrag.
Natürlich fällt das nicht immer leicht. Zeitmangel, Stress oder eigene Unsicherheiten sind echte Hürden. Doch wer sich Wertschätzung zur Gewohnheit macht, wird bald ihre positive Rückwirkung erleben – nicht nur auf das Team, sondern auch auf sich selbst. Eine wertschätzende Grundhaltung wirkt entlastend, klärend und motivierend – auf allen Ebenen.
Fünf einfache Wege, wie Sie Wertschätzung im Alltag leben können:
-
Hören Sie wirklich zu. Nehmen Sie sich in Gesprächen Zeit, unterbrechen Sie nicht sofort, fragen Sie stattdessen nach. Echtes Zuhören ist der direkteste Ausdruck von Respekt.
-
Loben Sie konkret. Sagen Sie nicht einfach „Gut gemacht“, sondern benennen Sie genau, was Ihnen gefallen hat: „Du hast die Präsentation klar strukturiert und ruhig vorgetragen.“
-
Zeigen Sie Interesse. Fragen Sie nach Meinungen und Bedürfnissen Ihrer Kolleg:innen. Und hören Sie offen zu – nicht nur, wenn Sie zustimmen.
-
Feiern Sie kleine Erfolge. Auch scheinbar banale Meilensteine verdienen Beachtung. Das motiviert und stärkt das Miteinander.
-
Seien Sie transparent und verlässlich. Ihre Teammitglieder sollen wissen, woran sie mit Ihnen sind. Sagen Sie, was Sie tun – und tun Sie, was Sie sagen.
Wertschätzung beginnt im Kleinen, entfaltet aber eine große Wirkung. Sie ist kein nettes Extra, sondern ein Muss für gesunde, erfolgreiche Zusammenarbeit. Und das Beste: Sie kostet nichts – außer ein wenig Aufmerksamkeit und den Mut zur Menschlichkeit.